Pfirsiche am Nordhang: Elfreds halbwilder Pfirsichanbau

Der Pfirsich, eine Sehnsucht nach Süden, nach der Süsse des Sommers und nach einer Frucht, deren Geschmack wunderbar komplex und so unglaublich lieblich ist, dass ich schon im März davon träume. Traumhaft sind auch die Blüten, die so tolle pinkviolette Farbtupfer ins Frühjahr zaubern. Es ist aber auch eine Frucht, die sich noch nicht so ganz ans mitteleuropäische Klima angepasst hat und kommerziell, meist nur mit viel Pestizideinsatz bei uns angebaut werden kann.

Pfirsiche brauchen laut den meisten Gartenbüchern den sonnigsten Platz auf dem Grundstück. Sie sollten möglichst an die Südfassade des Hauses gepflanzt werden und dann möglichst als Spalierbaum immer wieder in Form geschnitten werden….Ein riesiger Aufwand für die süssen Leckereien. Es gibt aber immer wieder Menschen, die sich einfach nicht an die Anweisungen aus Fachbüchern halten und auch damit Erfolg haben.

Einer dieser Gartenrebellen ist Elfred. Er würde sich wahrscheinlich nicht als Gartenrebell bezeichnen, aber seine Methoden sind oft ungewöhlich. Ungewöhliche, aber für mich sehr inspirierend. Elfred ist unser Vermieter und wird sich vielleicht in weiteren Beiträgen vorstellen. Als wir letztes Jahr hier in den Aargau zogen staunte ich bereits nicht schlecht über die Vielfalt in seinem Garten (und der seiner Familie). Im so nebligen Aargau und noch an Nordhang wachsen grosse, süsse Pfirsiche! Einfach unerhört 🙂

Warum Pfirsiche in unseren Gefilden nur selten angebaut werden

Eigentlich lauten die Frage anders: Warum gibt es im Supermarkt nur so eine geringe Auswahl an heimischen, biologisch angebauten Früchten? Warum sind die oft unreif und eignen sich eher zum einwerfen einer Fensterscheibe, statt zum Verzehr? Was ist mit all den Früchten, die eigentlich bei uns wachsen könnten? (Siehe Buchempfehlungen am Ende dieses Beitrages).

Viele Menschen haben vergessen, wie natürliche Nahrung aussehen kann und wie gross die Vielfalt sein könnte (ich empfehle meinen Beitrag: Welche Lebensmittel esse ich in einer pflanzlichen, biologischen und lebendigen Ernährung?). Durch die Trennung zwischen Anbau und Endkonsument sind in den letzten Jahren immer höhere Ansprüche ans Aussehen der landwirtschaftlichen Produkte immer mehr gestiegen. Makellos und süss sollen sie sein. Das Aroma und die Nährstoffe erscheinen dabei nicht so wichtig….Früchte und Gemüse mit kleinsten Flecken wird weggeworfen oder kommt gar nicht in die grossen Läden. So haben es auch die Pfirsiche aus heimischem Anbau schwer.

Der empfohlene Beitrag: https://erdwandler.com/2019/07/23/welche-lebensmittel-esse-ich-in-einer-pflanzlichen-biologischen-und-lebendigen-ernahrung/

Es gibt da aber ein paar Punkte, die der Konsument nicht auf den ersten Blick sieht

Wenn Pfirsiche vollreif sind, können sie kaum gelagert werden. Ein Hochrisikogeschäft für die grossen Detailisten, die ihre Waren natürlich mit Gewinn absetzen wollen. Pfirische werden eigentlich immer unreif vom Baum gerissen und dann in jenem Zustand den hungrigen Kunden präsentiert. Die Beliebte Steinfrucht gehört zu den sogennanten klimakterischen Früchten. Also jenen, die nach dem Pflücken nachreifen. Dazu gehören auch Bananen, Äpfel, Avocados, Aprikosen, Birnen, Melonen u.s.w. Das Nachreifen besteht unter anderem aus dem Abbau von Zellwandstabilisatoren (Pektine) und die Umwandlung von Stärke in Zucker. Die Frucht reift eigentlich nicht nach, sondern wird einfach älter (seneszieren nennt man das im Pfirsichfachjargon). Nährstoffe kommen aber keine mehr dazu und so bleibt der volle Geschmack ebenfalls auf der Strecke.

Um einen Pfirsich als solchen überhaupt zu erhalten, braucht es warme und trockene Frühjahre und keine schweren Spätfröste mehr. Die Bäume blühen schon Anfang bis Mitte April; die Zeit des schnellen Wetterwechsels und der späten Fröste. Wenn die Blüten erfrieren dann sieht es ziemlich Mau aus, mit dem süssen Traum vom Pfirsichhimmel. Weiterhin bedrohen Pilze wie die Kräuselkrankheit (Taphrina deformans) in kühlen Frühjahrsregen und später die gefürchtete Spitzendürre (Monilia laxa) den Baum. Freilaufende Rohköstler sind hierzulande, ihrer geringen Anzahl wegen, noch kein Problem. Die Zahl steigt aber bedenklich! Schon der lateinische Namen des Pfirsiches, „Prunus persica“ erwähnt die südliche Herkunft und auch die Bedürfnisse nach wärmeren Klimata. In Weinbauregionen wie der Pfalz, dem Wallis oder der Bündner Herrschaft ist es einfacher mit dem Anbau, doch eine sichere Ernte bleibt auch dort zweifelhaft. Wenn heimische Pfirsiche im Geschäft zu finden sind, dann meistens mit konventionellen Pflanzenschutzmitteln angebaut. Oder kennt ihr einen biologischen Pfirsichanbau? Schreibt`s mir doch bitte in die Kommentare!

Der halbwilde Pfirsichanbau von Elfred

In Elfreds Garten wachsen ca. 20 Pfirsichbäume. Es gibt Rote, Orangerote und Hellgrüne. Manche habe weisses oder rotweisses Fruchtfleisch und andere sind dunkelrubinrot (viele gesunde Anthocyane). Er selbst kennt nur eine Sorte beim Namen, da er die anderen aus Kernen gezogen hat, dessen Früchte er von anderen Bäumen sammelte, die er einfach lecker fand. Normalerweise werden Pfirsiche auf eine robuste Unterlage (also auf einen Wurzelstock eines anderen Baumes) draufveredelt. Die Veredelung dient also nicht der Sortenerhaltung, sondern wird vor allem zur Prävention von Wurzelkrankheiten und zur Kontrolle der Wuchsgeschwindigkeit durchgeführt. Im Gegenteil zum Apfel braucht der Pfirsich keine andere Sorte zur Bestäubung, er ist selbstfruchtbar. Wenn man Äpfel aus Kernen zieht, bekommt man immer wieder eine neue Sorte, die in ihren Eigenschaften ziemlich von der Muttersorte abweichen kann. Was ebenfalls spannend sein kann.

Pfirsiche können aber sortenecht über Samen vermehrt werden. Die robustesten Varianten sind sicherlich die Weinbergpfirsiche, die sich, wie der Name schon sagt einst in den Rebbergen Mitteleuropas tummelten. Leider findet man sie nicht mehr so häufig. In den letzten Jahren nahmen sich Sortenerhalter wie Prospecierara (in der Schweiz) ihnen  wieder an.

Vor über zehn Jahren begann Elfred also aus den Steinen Bäume zu ziehen und sie an verschiedenen Stellen auf seinem Grundstück zu pflanzen. Die meisten Steine (die Samen von Steinobst) keimten jedoch aus dem Kompost, den er im Garten verteilte. Sie wuchsen genau an der Stelle, wo sie sich entschieden haben, das Licht der Welt zu erblicken (deshalb halbwild) und wurden über die Jahre zu schönen Bäumen heran. Die Gartengestaltung passte sich dann den Neuankömmlingen an. An machen Jahren brechen die Äste ab, wie so viele Früchte an ihnen hängen. Das Land, auf dem sich die Pfirsiche befinden ist ein Nordhang und eher bekannt für seine kühlen Temperaturen und den langen Frost im Frühjahr, wärend es auf der Südseite schon taut und zu Wachsen anfängt. Er spritzt keine synthetischen Pestizide oder Kupferpräparate, um ernten zu können. Elfred braucht ab und zu etwas EM, Urin und Kompost und die Bäume gedeihen prächtig.

Schwerbeladene Äste werden mit Stöcken abgestützt.

Jene Früchte sind nicht immer perfekt, haben manchmal Flecken und einige Zweige sind von Monilia befallen, doch die Bäume wirken dennoch gesund und robust. Kräuselkrankheit ist vorhanden, aber scheint in diesem Jahr nicht wirklich zum Problem zu werden. Diese Pflanzen sind wirklich standortangepasst. Sie keimten und wuchsen genau an der Stelle, die sie für richtig empfanden. Elfred pflanzt sie nur um, wenn der Platz wirklich ungeeignet ist oder einfach zuviele Bäume aus dem Kompost keimen. Für den erfolgreichen Anbau sind auch hier die Mikroklimazonen direkt um den Baum wichtiger, als das Klima in der Region. Auch die Qualität des Bodens ist massgebend für die Grösse und Güte der Früchte.

Der Geschmack der verschiedenen Sorten ist für mich als gestandener Pfirsichfan zudem einfach grossartig. Wer einmal baumreife Pfirsiche gekostet hat, der wird nicht mehr auf deren steinharten Verwandten im Supermarkt zurückgreifen.     

Pfirsiche durch Samen vermehren

Damit die Samen keimen, brauchen sie mehrere hundert Stunden Winterkälte. Pfirsiche sind kaltkeimer und werden am besten frisch nach der Ernte in den Boden oder einen Topf mit Erde gesteckt.Dann bleibt der Topf über Winter im freien. Sie können aber auch eingefroren oder sehr kalt gelagert erst im Frühjahr ausgesät werden. Ein knacken der Schale hilft manchmal, den Keimprozess zu beschleunigen. Aber habt Geduld!

Die einst gesäten blutroten Weinbergpfirsiche warten im Topf auf ihren entgültigen Bestimmungsort.

Was mache ich so mit den Pfirsichen?

Ich kann Fruchtleder daraus herstellen, Pfirsichschnitze trocknen, herzhafte Saucen damit zaubern, eine gesunde Variante von IceTeaPeach herstellen, Smoothies machen, die geknackten Steine (in kleinen Mengen) zur Aromatisierung von Süssspeisen verwenden oder sie einfach so geniessen. Als ich noch in Neuseeland wohnte, wurde ich im Sommer überschwemmt mit Weinbergpfirsischen der Sorte „Black Boy“. Zu der Zeit vielen mir viele kreative Rezepte damit ein. Das Foto einer dieser Kreationen blieb mir erhalten. Das Fruchtlederherz besteht ebenfalls aus Pfirsich und etwas Zimt.

Eine rohköstlich vegane Trauben-Pfirsichcreme

Pfirsiche als Heilmittel

In vitro Studien zeigten, dass Pfirsiche auch eine zytotoxische Wirkung auf Brustkrebszellen haben, die gesunden aber in Ruhe lassen (Vizzotto at al.) Eine leckere und gesunde Form der Behandlung. Ich würde speziell im Krebsfall auf Zucker und tierische Proteine verzichten und möglichst viel frisches Grün in Form von rohen Säften ohne Früchte zu mir nehmen. Die Süsse in der Ernährung kann man dann auf polyphenolhaltige Früchte, wie Pfirsiche fokussieren.

Und die Moral der Geschichte

Wenn dir dein Umfeld sagt, es würde nicht funktionieren, deine Intuition dir aber das Gegenteil zeigt, dann versuche es. Bäume aus Samen zu ziehen macht Spass und man lernt so viel dabei übers Leben und natürlich die verschiednenen Arten. Wenn du etwas mehr Land zur Verfügung hast, dann pflanze ein paar Bäume und beobachte sie. Wenn du einen Balkon zur Verfügung hast, dann kannst du ebenfalls kleinbleibende Sorten in Kübeln anbauen.

Pfirsiche werden mit den trockner werdenden Sommern immer besser bei uns gedeihen und sind für mich ein muss in einem Obstwald oder Garten. Auch in Städten würden sie gut gedeihen, da es dort meistens wärmer ist als auf dem Land. Ich fand sogar schon eine draussen wachsende Passionsfrucht in der Stadt Chur. Pfirsiche sind da kein Problem. Es kommt wirklich auf das Mikroklima an. Ich lernte mal jemanden kennen, der auf dem Weg nach Arosa auf 1000 Metern einen Mandelbaum hat, der jedes Jahr Früchte trägt. In Wärme- und Sonnenfallen können sogar Pflanzen gedeihen, die sonst viel weiter im Süden vorkommen würden. Wenn dich das Thema Mikroklima und Temperaturmanagement auf Balkon und im Garten interessiert, dann lass es mich in den Kommentaren (ganz unten auf dieser Seite) wissen.

Das könnte dich auch interessieren:

Pfirsiche sind nur ein Beispiel vieler „exotischer“ Früchte, die wir in unseren Breitengraden erfolgreich anbauen können. Wenn du wissen willst, was sonst noch hierzulande gedeihen könnte, empfehle ich dir folgende Bücher:

Sehr inspirierend. Ich empfehle das Buch während des Lesens vor Spritzwasser zu schützen, denn da kommt einiges an Wasser im Mund zusammen:-)
Sehr spannende Ansichten. Informatives und inspirierendes Buch, das die „Muss haben“-Reaktion beim Betrachten der vielen Sorten auslösen kann,

Natürlich empfehle ich auch die verschiedenen Bücher des japanischen Permakulturbauern Masanobu Fukuoka!

Du findest viele spannende Beiträge über Permakultur, Sammeln, leckere Rezepte. u.s.w. auf diesem Blog. Wenn du immer wieder erfahren möchtest, wann es neuen Inhalt gibt, dann abonniere doch den Blog unten auf dem Folge-mir-Knopf. Um dir das Stöbern etwas zu erleichtern gibt`s hier ein Beitragskarussel, in dem du dich nach herzenslust durchklicken kannst!

Falls du lieber zu deinen Infos surfen möchtest, gibt`s hier noch ein paar Links fürs Netz:

Riesiges Wildobst Kompendium (inkl. rarer Kulturformen von Wildobst): https://wildobst.ch/

Ein toller, sehr informativer Blog über den biologischen, veganen Pfirsichanbau (schaut euch auch ihre Videos zum Permanentmulch und zu den kommerziellen Agroforstsystemen an):https://woodleaffarm.wordpress.com/

Eine tolle Webseite zu Wildpflanzen, Wildpflanzenrezepte, Rohkost und vielen weiteren Büchern: https://woodleaffarm.wordpress.com/

Quellen:

Studie zu den Brustkrebszellen: Vizzotto (Marcia et al, (2014) „Polyphenols of selected peach and plum genotypes reduce cell viability and inhibit proliferation of breast cancer cells while not affecting normal cells“, Food Chem, aufgerufen am 29.8.2020 von: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0308814614007663https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0308814614007663

Fotos und Text: Joscha Boner

7 Kommentare zu „Pfirsiche am Nordhang: Elfreds halbwilder Pfirsichanbau

  1. Bin gerade auf Bornholm und staune über die vielen Feigenbäume mit großen Früchten. Die hätte ich hier nicht erwartet!

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    1. Echt? Ist ja toll. Kann aber auch am maritimen Klima liegen…? Gibt es da auch Pfirsiche?

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  2. Hans-Peter Syben 31. August 2020 — 20:44

    Hallo Erdwandler!
    Ich finde deine Beiträge interessant.
    Du hast völlig Recht mit deinen Pfirsich Beobachtungen.
    Ich habe ca. zwanzig Bäume verschiedener Arten, die ich in beschriebener Art und Weise selbst gezogen habe. Sie schmecken Alle köstlich und sind wahre Massenträger!
    Komme Mal vorbei zum probieren 😏.
    Ich betreibe seit 23 Jahren Obstbaum Permakultur auf 2,5 Ha. Alle Obstsorten sind robust und seit dieser Zeit frei von jeglicher Pestizid Belastung. Daher sind sie genetisch sehr robust und in hohem Maße fruchtbar! Ich wünsche dir viel Freude bei deinen interessanten Beobachtungen und weiterhin viel Freude mit und in der Natur!
    Peter

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    1. Hallo Peter. Das klingt ja sehr spannend. Wo bist du zuhause?

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      1. Hans-Peter Syben 2. September 2020 — 23:32

        Hallo Josha!
        Ich wirke auf insgesamt 12 Ha. Permakultur Land (Waldgarten, drei Hochstamm Obstwiesen mit alten historischen Sorten und davon ca. 8 Ha. Wald mit Urwald Parzelle)
        seit 23 Jahren in 66919 Hettenhausen, Rheinland Pfalz, BRD

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  3. hallo josha,

    julius hier. habe mich sehr gefreut, dass urobst buch unter den empfehlungen zu finden. kam hier zufeallig vobrei weil mein agrarstudentsfreund simon grade borreliose hat und ich mich and deine geschichte erinnert habe.
    wuerd mich sau freuen, mich mal mit dir auszutauschen. lebe im koeniginnenland (queensland, asutralia) und arbeite grade an einer mittelbeschaffung (crowdfunding) fuer meinen eigenen hof samt unabhaengiger forschungstelle (open source – clearly).
    manche sachen sind auch schon auf meinem kanal zu finden: julius nicolas https://www.youtube.com/results?search_query=julius+schaeffer+haslach

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    1. Hallo Julius
      Ich wusste, dass wir wieder von einander hören werden. Die Begegnung mit dir an der Begegnungsallmende im letzten Jahr ist mir im Herzen geblieben. Manuel erwähnte bereits, dass du nach Australien gezogen bist und den YT-Kanal „divine truth“ habe ich mir auch angesehen. Schreibe mir doch eine PN auf: erdwandler@protonmail.com

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