Ein Agroforst entsteht… oder was ich die letzten 6 Monate getan habe

Gärtnern ist… das Basteln am Paradies, die Verbindung mit der Natur, ist Verantwortung für einen Teil der eigenen Lebensmittel zu übernehmen, multidimensionale Erfahrungen zu machen, ist Fülle schaffen und nicht zuletzt eine tiefe Kommunikation mit Mutter Erde.

Liebe Leser dieses Beitrages              

In früheren Texten erzählte ich euch bereits von unserem Projekt, dem Erdwandlerhof. Während des Coronawahns durfte auch ich zuhause bleiben und mich den wichtigen Dingen des Lebens widmen; der Erschaffung unseres Lebensraumes.

Kurze Vorgeschichte

Meine Partnerin Désirée und ich sind im Oktober letzten Jahres hier in den Aargau gezogen. Obwohl mir die Berge schon fehlen, haben wir hier die Möglichkeit bekommen, 3 Hektaren Land bewirtschaften zu dürfen. Zwar ist das ganze am Nordhang und meistens unheimlich steil, aber dennoch ist es unser Zuhause mit seinen ganz eigenen Vorteilen.

Schon im Juni 2019 suchten wir über diesen Blog und Facebook nach einem Ort, an dem wir Leben und Wirken können. Ich lüge nicht: Über Nacht flatterten 5 Angebote ins Postfach! Wir waren überwältigt und besuchten die Plätze, die uns am passendsten erschienen. Keiner der Orte fühlte sich aber genau richtig für uns an….                                                                                                                                  Dann aber traf ich auf unsere jetzige Vermieterin und wir zogen schon bald ins Aargauer Hinterland. Die Vermieter unserer Wohnung sind selbst Gartenkünstler und verstehen es, Vielfalt zu schaffen und ums Haus alles erblühen zulassen. Gute Voraussetzungen also.

Kaum angekommen, organisierte ich einen Infoanlass hier im Dorf, um die Bevölkerung und externe Interessierte über unser Vorhaben zu informieren. So nach dem Motto: «I have a dream…»

Ich fing schon am 2ten Tag an, das Land zu analysieren und mit ihm in Kontakt zu treten (ein späterer Beitrag wird erklären, wie man das machen kann). Das Permakulturdenken scheint mir in die Wiege gelegt worden zu sein, denn ich hatte schon immer ein Auge für Ressourcen. So kam es, dass schon wenige Wochen danach, mehrere Kubikmeter Laub von den Gemeindearbeitern bei uns abgeladen wurden (mehr dazu im Laubbeitrag, der unten verlink ist).

Die erste Etappe der Landverwandlung: Eine Schafweide mit 30-35% Gefälle. Mit einem Lasernivelliergerät eines Freundes (danke Mike), markierte ich die Höhenlinien und die Keyline. Das lange Gras verschwand zuvor in den Mägen dreier Schafe, die genüsslich in der Herbstsonne weideten.

Die Beete legte ich im Mulchverfahren an, indem ich die Blätter etwa 20cm dick in Mieten entlang der markierten Linien aufschüttete. Ursprünglich plante ich die Beete nach den Massen der aufkommenden Marketgardenbewegung (75cm breite Beete und 30 cm Weg) anzulegen, doch musste feststellen, dass sich die Masse für ein solches Gefälle nur schlecht eigneten. Jetzt sind die Wege breiter und besser mit der Schubkarre befahrbar. Für genauere Infos zur pfluglosen Beetbereitung empfehle den Beitrag: Warum ich pfluglos mache!

Ein Agroforst entsteht

Wenn ihr schon länger meinen Blog lest, dann wisst ihr, wie wichtig mir das Beobachten ist. Obwohl ich ein ungeduldiger Mensch bin, beobachte ich zuerst das Land, bevor ich es verändere. Nur weil im Permakulturmanual Beinwellpflanzen und das Anlegen von Swales als Toppriorität steht, muss das nicht für alle Grundstücke, Landschaften und Klimata gelten. Jeder Ort hat seine eigenen Vorteile und Bedürfnisse.  In Meditation fragte ich die Weide, wie sie denn gerne aussehen würde. Die Antwort liess nur 2 Minuten auf sich warten und ich hatte die Vision eines Waldes mit Bach. Die Wiese ist tatsächlich zwischen zwei Waldstücken eingebettet und ein lichter Waldgarten würde eine Verbindung zwischen ihnen schaffen. Aber wo war der Bach? Keine einzige Quelle oder wenigstens ein Rinnsal zu sehen! Erst, nachdem ich mit dem Pendel und meiner Hand nach Wasser suchte, wurde mir klar, dass sich einige Wasseradern noch unter der Erde befanden. Wasser ist also da, nur kommt es noch nicht an die Oberfläche. Nun ging es ans weitere Planen und Pflanzen.

Auf dem Grundstück gibt es viele Haselsträucher. Corylus avellana (der lateinische Name der Nuss) würde demnach hervorragend wachsen. Haselnüsse sind hervorragende Lebensmittel. Um die spätere Bewirtschaftung zu vereinfachen, pflanzte ich Haselnüsse nicht als Busch, sondern pfropfte sie auf eine türkische Baumhasel (Corylus colurna). So bildet sie nur einen Stamm, statt viele einzelne und eine Unterpflanzung kann üppiger geplant werden, im Vergleich zur Strauchform. Des Weiteren verspreche ich mir davon eine einfachere Ernte. Im Moment nutze ich den Stamm als lebendige Bohnenstangen. Die Bohnen haben was zu klettern und düngen als Leguminosen wiederum die Hasel. Mir gelang es ebenfalls, einen Edelreis der Haselsorte «Buttler» auf eine wilde Haselnussstaude zu veredeln. Sie ist angewachsen und treibt sehr wüchsig aus.

Zwischen die Haselnüsse pflanzte ich Edelkastanien der Ertragssorten Brunella und Bouche de Betizac. Dazu werden sich noch Apfelbäume, süsse Sanddornsorten (ja genau, es gibt auch süsse Kultivare), Erbsensträucher, Birnbäume und Sorbaronias gesellen. Die Bäume sind als Streifen den Höhenlinien entlang gepflanzt und rahmen so die Gemüsebeete ein, die sich zwischen ihnen befinden. Solange die Bäume noch klein sind und genug Sonnenlicht durchlassen, kann auch sonnenliebendes Gemüse wie Tomaten, Paprika, Süssmais und Zucchini auf den Feldern dazwischen angebaut werden.

Der Natur abgeschaut: Die Sukzessionslandwirtschaft

Ich schrieb schon mehrere Male über die Sukzession, der automatischen, kontinuierlichen Veränderung eines Ökosystems. So wird eine Industriebrache z.B. ganz von allein irgendwann zum stabilen Waldsystem. Dabei durchschreitet ein solches Ökosystem mehrere Phasen, die wiederum die nächste überhaupt ermöglichen. Meine Planung des Gartens auf der Weide und dessen zukünftige Bewirtschaftung wurden genau von diesem Vorgang inspiriert. Zuerst keimen Ruderalpflanzen (in meinem Fall einjährige Gemüsearten), dann kommen die ersten Sträucher (Johannisbeeren, Jostabeeren, Aronias, etc.) und bauen den Boden zusätzlich auf. Danach übernehmen Pionierbäume und später die Klimaxbäume das Areal und bilden zusammen einen landwirtschaftlich nutzbaren Wald (einen Agroforst). Zugegeben, ich habe die Bäume, die später den Grossteil des Agroforstes ausmachen werden, schon vorher gepflanzt. Dennoch wird die Fläche zuerst für den Gemüse- und Erdbeeranbau und später als Nuss-, Beeren-, Kernobstagroforst genutzt werden. Starkzehrendes Gemüse wie die Kartoffeln oder der Zuckermais schossen auf dem noch nicht ganz reifen Kompost (mit dem ich die Laubmieten abgedeckt habe) wie Raketen in die Höhe und liefern sehr schöne Erträge. Schwachzehrer wie Salate, Radieschen und Leguminosen wie die Ackerbohnen hatten dagegen etwas mehr Mühe mit den vielen Nährstoffen im Boden.

Wandeln, lernen und gewandelt werden

Darum auch der Name Erdwandler. Obwohl ich schon mit sechs Jahren im Garten stand, lerne ich jedes Jahr unglaublich viel dazu. Jeder Garten ist anders, jeder Boden verschieden und nirgendwo der Schneckendruck gleich gross. Mittlerweile durfte ich schon über 20 Gärten anlegen und bei vielen weiteren mithelfen. Die letzten Monate vor allem im Garten zu verbringen, veränderte meine Weltsicht nochmals enorm und liess mich so einiges dazu lernen. Dass ich nebenbei noch mit einem Pensum von 75% studiere, vergass ich beinahe😊. Jeden Tag gab es andere Dinge zu erledigen: Der Kompost hielt in der Frühjahrsdürre nicht genug Wasser, bei jedem kleinen Regen kam die Schneckenarmada aus dem hohen Gras, um meine Salate zu besuchen, Mulch rutschte dem Gefälle sei Dank immer wieder von seinem eigentlichen Bestimmungsort und die Folie des Tomaten-/Stevia-/Physalis-/Paprika-/Melonen-Tunnels wurde mehrere Male vom Starkregen eingedrückt.

Dennoch kann man beobachten, wie sich das Ökosystem des Gartens bereits etabliert, das am Ende die «Schädlings-/Nützlings-Balance» erhält. Tigerschnegel (die «nützlichen Nacktschnecken») zogen ein, verschiedenste Marienkäferarten etablieren sich, tausende von Spinnen finden im warmen Laubmulch ein Zuhause und gehen auf Schädlingsjagd und Schmetterlinge entdecken die Blühsteifen und Blumenbeete für sich. Auch der soziale Aspekt der Permakultur scheint sich wie von Geisterhand zu entwickeln: Kaum zogen wir hier hin, wollten uns viele Leute besuchen kommen. Einige von ihnen halfen mit und andere brachten einfach nur ihre gute Energie mit. Gärtnern ist schon klasse, aber gärtnern in der Gruppe übertrifft das Ganze nochmals.

Die Hoffamilie wird grösser

Nein, wir haben kein Kind bekommen, dafür aber Hühner. Ende Januar kamen zehn Lohmann  Legehybriden bei uns an. Statt in der Gaskammer der Eierindustrie und dann nachher in der Biogasanlage zu landen, dürfen sie hier bis zu ihrem natürlichen Tod leben. Die Stinahstiftung vermittelt Tiere in Not an Menschen, die ihnen ein neues, sicheres Zuhause bis an ihr Lebensende gewähren. In Deutschland sind es Vereine wie «Rettet das Huhn», die diese wichtige Arbeit erledigen. Ich muss es immer wieder sagen:  Die Eierindustrie ist genauso pervers wie die Milchindustrie (auch hier möchte ich differenzieren: Es gibt viele Abstufungen dieser Perversion), auch wenn sie uns im Supermarkt als Heimatkitsch und Landwirtschaftsromantik verkauft wird.

Zu der zuerst ziemlich zerrupft aussehenden Truppe kam dann irgendwann noch ein Hahn, den eine liebe Kollegin uns geschenkt hat, dazu. Er hält die Bande zusammen und ist ein richtiger Gentleman: Es wird nicht gefressen, bevor die Damen gespeist haben!

Nach der Mauser und der Zeit, in der sie sich von den Strapazen der Legeindustrie etwas erholten, sahen die Eier auch wieder normal aus. Auf so eine kleine Hühnerschar kann man sich, meiner Meinung nach, viel besser einlassen, als auf hundert/-e Hennen, die es braucht, damit die Eierproduktion überhaupt rentabel ist. Man kann die verschiedenen Charaktere, Bedürfnisse und Macken der einzelnen Individuen erkennen und schätzen lernen. Allgemein kann man sagen: Jedes dieser Hühner/Schweine/Kühe/Pferde/Truthähne/Kaninchen/Schafe, deren Körper, Ausscheidungen oder «Produkte» wir glauben, konsumieren zu müssen, sind Individuen mit eigenen Gedanken, Emotionen und Gefühlen. Wenn wir sie nur erst kennenlernen würden, wäre die Welt eine ganz andere.

So hatten wir sehr gut zu tun mit dem Aufbau des Hofes, dem Setzlingsverkauf (wir kultivierten diesen Frühling über 800 Setzlinge von Hand), ausbüchsenden Hühnern, Bau von Infrastruktur und nicht zuletzt dem Einrichten unserer Wohnung.

Neben den gewohnten Themen zum unabhängigen und selbstbestimmten Leben mit der Natur, werde ich euch gerne immer wieder darüber informieren, was gerade so bei uns läuft. Ihr findet uns jetzt auch auf Instagram! Wir posten dort immer wieder Bilder vom Hof, den Hühnern und unseren anderen Projekten. Ich möchte erwähnen, dass jeder und jede ein naturverbundenes Leben führen kann, man muss sich nur dafür entscheiden. Im Moment ist es ideal, sich Gedanken darüber zu machen, wie man leben möchte, denn nach diesem, sagen wir mal «Coronaphänomen», oder vielmehr während der Zeit der Entschleunigung, wird das Leben nicht mehr so sein wie vorher.

Auch auf dem Land kann man ein nachhaltiges Unternehmen gründen und finanziell unabhängig werden. Auch in der Stadt kann man sich mit der Natur verbinden und sogar Wildnis erleben. Ich schreibe, um meinen Mitmenschen anhand meines/unseres Beispiels eine Alternative zu zeigen, wie das Leben sonst noch aussehen könnte und weil ich es liebe, meine Projekte mit euch zu teilen. Es bleibt also spannend. Danke für die Treue…

Link zu unserem Insta-Profil: https://www.instagram.com/erdwandler/

Ein paar Impressionen aus dem jungen Agro-/gemüseforst

Hier gibt`s noch ein paar bewegte Bilder!

Vielen Dank an alle, die uns bei dem Projekt geholfen haben und helfen werden! Ihr wisst, dass ihr die Besten seid!

Fotos: Star-Agroforstfotographen Michelle Krieg und Joscha Boner

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