Gratis Essen am Markt ohne zu klauen. Wie ich gesunde Biolebensmittel gratis oder für wenig Geld bekomme.

Auf Wochenmärkten entdecke ich immer wieder die interessantesten Dinge, höre tolle Geschichten und lerne so die Menschen kennen, die die Lebensmittel anbauen, die ich nicht im Garten habe und zukaufe. Diese Märkte sind neben kleinen Bioläden ein richtiger Hub der Regionalität. Nicht nur der Einkauf von Lebensmitteln steht dabei im Fokus, sondern auch der Austausch zwischen Menschen, die sich mit der Erde selber befassen. Ich lerne immer wieder von Händlern und Markfrauen, wie sie mit Trockenheit umgehen, wie ihre Kompostgeheimnisse lauten, oder welche Neuigkeiten es in der Region gibt, die es nicht in die grossen Medien schaffen. Das market-wide-web ist unglaublich reich an Erfahrung, Humor und Geschichten

Liebe Leserin, lieber Leser, ich lebe schon vielen seit Jahren von Biolebensmitteln mit sehr kleinen Budget. Es gab Zeiten, in denen dieses Budget so klein war, dass ich erfinderisch wurde bzw. werden musste. Ich beobachte gerne. Es hat nicht lange gedauert, bis sich diese Gabe wiedereinmal als nützlich erwies und ich folgendes entdeckte: Wenn Wurzelgemüse auf dem Markt angeboten wird, dann meistens ohne den oberirdischen Teil. Dabei ist gerade das Grün von Pastinake, Karotte, Petersilienwurzel, Randen/Rote Beete und co. unglaublich wertvoll und vitaminreich. Meist aber, landet es wieder im Kompost (was auch nicht die schlechteste Verwertung dafür ist). Als ich in Christchurch Neuseeland lebte, wo die sogenannten Farmers Markets (ähnlich den Wochenmärkten bei uns) das ganze Jahr über stattfinden, fiel mir dieser «Missstand» auf. Durch ein nettes Gespräch mit der Händlerin, durfte ich eines Samstags, etwa drei Kilogramm Möhrengrün mit nach Hause nehmen. Ohne Entsafter oder Mixer und kein Platz im übervollen WG-Kühlschrank, konnte ich leider nicht alles verwerten; doch es ging mir dabei ein Licht auf. Wenn ich Möhrengrün gratis bekomme (das neben dem Chlorophyllen auch noch 7-mal mehr Vitamin-C als die Rübe beinhaltet) kann ich wohl auch die Blätter der Rote Beete oder Pastinaken bekommen, denn diese werden sowieso vor oder am Markt abgeschnitten. Gesagt, getan. Die Rote Beeteblätter schmecken auf Grund ihrer nahen Verwandtschaft, wie jene des Stilmangolds. Mit dem Grün des Wildkrautes, Vogelmiere (Stellaria media), ergaben sie einen super Salat.

Wenn das Grün schon vor dem Markt entfernt wird, kann man ja fragen, ob man es für einen geringen Aufwandsbeitrag trotzdem kriegen könnte. Viele Gemüsehändler wären sicher froh, wenn es Verwendung findet. Findige Marktleute haben indes angefangen, auch die Blätter als Superfood zu verkaufen (was in puncto Inhaltsstoffe schon hinkommt). Die Blätter der Kohlköpfe, Brokkoli, Blumenkohl und Wirsing werden meistens schon auf dem Feld abgerissen und liegen gelassen. Es wird lieber der in die Mode gekommene «Kale» (Grünkohl) gekauft, obwohl die Pflanze exakt zur gleichen Art wie alle anderen, aufgezählten Kohle gehört (Brassica oleracea); all diese vermeindlich verschiedenen Planzenarten wurden aus der gleichen Wildpflanze gezüchtet. Da sie oft hart und sehr gross sind, können sie nicht mehr so gut verkauft werden. Als Wrap, Salat oder sogar entsaftet, sind auch sie ein Gedicht. Die Biogemüsebauern, bei denen ich nachgefragt habe, haben auch nicht schlecht gestaunt. Das gibt Gesprächsstoff. Ich verstehe es als Selbstverständlichkeit, dass ich mich in irgenteiner Form erkenntlich zeige; ob Trinkgeld, Selbsgemachtes oder Wissen, das man gibt; Geschenke erhalten die Freundschaft!

Gegen Ende des Marktes bekommt man Gemüse günstiger von denen, die nicht am nächsten Tag an einem weiteren Markt sind. Dies bedarf aber mehrerer Wochen Beobachtung und nachfragen.

Wir leben in einer Welt, in der auch Biogemüse in grossen Mengen, industriell angebaut werden (es wird nicht mehr kultiviert, sondern produziert!). Wenn die Karotte nicht genug lang oder kurz ist, wird sie nicht einmal geerntet. Der Sommer 2018 war ein extrem trockener. Im Berner Seenland, dem schweizer Gemüseanbaugebiet schlechthin, mussten die riesigen Karottenfelder bewässert werden. Viele der Rüben wuchsen darauf hin so stark in die Länge (bis 30cm), dass sie niemals auf dem Markt bestehen hätten können. Da es zu teuer war, unter diesen Voraussetzungen zu ernten, wurden sie einfach wieder in den Boden gefräst. Der Verein Grassrooted in Zürich, der sich für die Verringerung von Foodwaste einsetzt, konnten noch Tonnen der zu langen «Rüebli» retten. Der grösste Teil wurde jedoch wieder zu Wurmfutter. Ja, wir sprechen hier auch von Bio. Im Falle von Grassrooted: Nur von Biogemüse. https://www.grassrooted.ch/

Ein Grund dafür, das Bio teurer ist, sind die Wunschvorstellungen des «perfekten Gemüses», dem auch die biologische Produktion nachkommen muss. Industrielle Bioäcker geben im Durchschnitt weniger Ertrag als ihre konventionell bewirtschafteten Nachbarfelder. In diesem Ertrag sind auch krumme und unperfekte Gemüse dabei, die aussortiert und entsorgt werden. Geringerer Ertrag, und mehr Aufwand bei der Beikrautbekämpfung ergeben zusammen mit der Schönheitsnorm die hohen Preise, die wir für Bio eben bezahlen. (Anmerkung des Erdwandlers: Die wahren (externen) Kosten der konventionellen Landwirtschaft, wie Abnahme der Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und der enorme Energieaufwand, der zur Herstellung der Dünger und Pestizide gebraucht wird, werden nicht im Preis einberechnet. Diesen Preis zahlen unsere Nahfahren! Ein höherer Ertrag als die konventionelle Landwirtschaft kann mit Mischfruchtanbau und kleinstrukturierter Landwirschaft ereicht werden. In Russland wurden im Jahr 2003, ca. 42% aller Agrarprodukte auf 7% des Agrarbodens angebaut (Stichwort: Datschenbewegung)).

Die Frage nach dem Gratisgemüse und dem Erreichen von tieferen Biopreisen kann und muss mit einem Verständnis der Konsumenten für unperfekte Nahrungsmittel, sowie einer Zusammenarbeit mit Konsumentenverbänden, den Bauern und den Grossverteilern geschehen. So wie es jetzt läuft, ist das ganze System, Bio oder nicht, ein Zerstörerisches.

Man könnte wie der japanische Permakulturbauer M.Fokuoka (möge er in Frieden ruhen), die Erträge nur grob sortiert verkaufen, für Menschen, deren Auge für Schönheit, auch dreibeinige Karotten miteinbezieht. Das ist günstiger und eliminiert Sortierkosten und Foodwaste.

Eine Lösung hier in Mitteleuropa, wären Lebensmittelkooperationen; also Verteilerstellen, die von  Konsumenten organisiert werden und den Bauern eine Abnahmegarantie gewährleisten.

In der solidarischen Landwirtschaft (SoLawi), sehe ich persönlich grosses Potential, da Menschen zusammen ackern und ein Gefühl dafür bekommen, wie viel Arbeit hinter dem Gemüse steckt, von dem bis zu 70% weggeworfen werden. Ein soziales Miteinander, das Bewusstsein erweitern kann und nebenbei Offlinekontakte knüpft.

Nicht nur Kulturpflanzen, sondern auch das Beikraut (auch leider als „Unkraut“ beschimpft) könnte auf diesem Wege wieder auf die Teller der Menschen gelangen, auf was man beim Grossverteiler noch lange warten kann. Die gesündesten Pflanzen wachsen sowieso wild und sind kostenlos! Danke euch Wilden Geschenke: Danke Brennnessel, Vogelmiere, Löwenzahn, Bärlauch und all die anderen «Green Blessings», wie euch die wunderbare Susun Weed bezeichnet.

Weitere Themen wie Erntenetzwerke, näheres zu Lebensmittelkoops und SoLawi werden noch viel ausführlicher in weiteren Beiträgen beackert. Es bleibt spannend! Wenn dir meine Beiträge gefallen, dann folge mir doch…        

Beitragsbild: Photo by Peter Wendt


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