Was nicht verloren gehen darf

Liebe Leserin, lieber Leser dieses Blogs

Mein Vater ist Handwerker. Eine Gattung von denen es immer weniger auf dem Land gibt. Ein Gespräch mit ihm war der Auslöser für diesen Beitrag. Mein Vater ist nicht nur Handwerker sondern auch Erfinder und Bastler. Seine Ideen gelten meist einer nachhaltigeren Welt. Er bezahlt seine Rechnungen per Einzahlungsschein am Postschalter und kauft die Materialen, die er für seine Kreationen braucht bei lokalen Eisenhändlern. Was ihm seit vielen Jahren sorgen macht, ist das Verschwinden kleiner Firmen. Firmen wie Sägereien, Eisenhändler, Spulenwicklereien, Maschinenfabrikanten, Elektrohändler, kleinen Lebensmittelgeschäften u.s.w.

Also all diejenigen, die Infrastruktur und Gegenstände des täglichen Gebrauchs lokal herstellen und wissen, wie man sie reparieren kann. Ausserdem werden auf dem Land immer mehr Stellen in Filialen von wichtigen Dienstleistern, wie der Post wegrationalisiert. Die Menschen müssen immer weiter Strecken zurücklegen, um ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Aber auch familiäre Kleinunternehmen müssen schliessen. Durch die Konkurenz grosser Ketten, fehlen Arbeitsplätze. Pendeln oder Umziehen bleibt für viele die einzige Wahl. Mit jedem kleinen Geschäft, dass seine Türen für immer schliesst, geht eine enorme Menge an Kompetenz in Ruhestand oder wandert in eine, dichter besiedelte Region um. Schon über 76% der Schweizer*innen arbeiten im dritten Wirtschaft Sektor; dem Dienstleistungssektor. 

Aus alten Töpfen lernt man kochen

Obwohl auch wir Tutorials auf YouTube als unschätzbare Bereicherung unserer Kompetenzen sehen, geht nichts über unsere eigene Erfahrung hinaus. Ich kann mir noch so viele Videos und Beiträge zum Mulchen, Kompostieren oder zum Konfliktlösen während einer Projektumsetzung reinziehen, wenn ich keine Ahnung habe, wie ich reagieren soll, wenn es in der Realität mal nicht nach Lehrbuch geht; also in 99% der Fälle.

Schon in Zeiten, bevor ein Grossteil der Menschen Buchstaben bedienen konnte, lernten wir neue Fertigkeiten übers Beobachten, Probieren, auf die Schnauze fallen und nochmals probieren. Es waren vor allem die Ältesten unserer Gesellschaft, die die Träger des Wissens waren. Die Oma, die ihr Lebenswerk durch die vielen Geschichten auf der Ofenbank an die nächste Generation weitergab.

Die Alltagsgegenstände haben sich zwar etwas gewandelt, doch das Bedürfnis nach Textilien, Töpfen, Elektronikartikeln, Möbeln, Metallwaren, Werkzeugen, Seilen, Medizin usw. ist nach wie vor vorhanden. Einige davon sind nicht mehr wichtig, da es Technologien wie den Drucker gibt, die Berufe wie den Schriftsetzer ablösen. Das Wissen und die Kreativität anderer Berufsgruppen darf aber nicht verloren gehen.

Folgende alte Berufe sind, unserer Meinung nach, für eine enkelgerechte Zukunft sehr wichtig:

  • Weber (Zur Herstellung von Textilien aus heimischen Fasern)
  • Schneider (für eine lokale Textilindustrie)
  • Schmied/Maschinenmechaniker (für das Entwickeln und reparieren grösserer Maschinen und die Herstellung von landwirtschaftlichen Werkzeugen wie Sense, Pickel, Schaufeln etc.
  • Korbflechter
  • Töpfer
  • Seiler (Naturfasern und Technische Fasern)
  • Wasserschmecker (sie finden Wasser, wenn in Dürre Quellen versiegen)
  • Kräuterkundige (für die regionale Versorgung mit Naturmedizin)
  • Barden (für Musik die die Herzen der Menschen berührt)
  • Saatgutzüchter (die die Region mit robustem, angepasstem Saatgut beliefern)
  • Sägereibetreiber (für Holz, für das keine borealen Wälder abgeholzt werden müssen)
  • Köhler (für die Herstellung von Terra Preta und die Regeneration Erodierter Böden)Dazu empfehle ich, die Filmreihe: „Der letzte seines Standes“.

und nicht zuletzt mehr Bauern, die wieder auf kleineren Äckern ein Auskommen finden und schonender mit der Erde (weil kleinere Maschinen) umgehen können.

Wenn wir den Grossteil unserer Handwerker aussterben lassen, müssen wir uns fragen: Wer wird in Zukunft unsere Alltagsgegenstände herstellen, bzw. reparieren können?

Bauernschläue geht verloren

Auch der Bauer mit den grossen Kartoffeln ist nicht dumm. Vor allem Menschen in Berg- und Randregionen mussten oft mit kreativen Lösungen den Problemen des Alltags entgegentreten, die sie nicht einfach mit einem Mittelchen wegsprühen konnten. Der Ausdruck der Bauernschläue zeugt von der weitbekannten Kreativität und des Improvisationstalentes jenes Berufsstandes. Es ist genau die Fähigkeit, aus sehr wenig viel zu machen, ein schier unüberwindbar scheinendes Problem mit simplen Lösungen zu überkommen, die immer mehr verloren geht. Wenn immer mehr Technik weit über das notwendige Mass unser Leben erleichtert, dann werden wir ebenfalls von unserer Fähigkeit erleichtert, kreativ und lösungsorientiert zu handeln.

Die Zukunft ist polykompetent

Spezialisierung war früher vor allem auf dem Lande in dem Masse nicht möglich. Ein Bauer konnte nicht nur Kühe halten, Ackerfrüchte anbauen und seine Familie versorgen, sondern auch Bäume veredeln, Geräte für die Landwirtschaft bauen, Bienen halten, Quellen fassen, einen Stall bauen, Tiere verarzten und noch vieles mehr. In Krisen, wie der Essensrationalisierung während des 2ten Weltkrieges war es die Landbevölkerung, die genug zu Essen hatte. Städter waren abhängig von den Menschen ausserhalb, die sie mit allem Nötigen versorgten.

Meiner Meinung nach wird die Zukunft wieder polykompetent. Menschen müssen sich im Zuge der grossen, globalen Wandel (Klimawandel, Wandel in der Politik, Agrarindustriewandel) wieder selbst Kompetenzen zulegen, um nicht von immer grösseren Firmen abhängig zu werden. Diese Wandel sind im Gange und können nur noch für kurze Zeit ignoriert werden. Was das für Kompetenzen sind, die zu mehr Unabhängigkeit/Selbstbestimmtheit führen, erfahrt ihr in den zahlreichen Beiträgen auf diesem Blog.

Die Zeit des American Dream ist vorbei

Der Glaube daran, dass es jeder vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann und soll, ist und bleibt genau das, was er schon immer war: Ein Irrglaube. Zusammen geht es einfach besser und leichter. Sich selbst nicht aufzugeben (Selbstliebe) und andere zu bevorzugen ist immer noch essenziell. Aber zusammen schaffen wir nicht nur eine Million, sondern ganze Welten! Wir sollten endlich einmal all die Dogmen und Vorurteile aufgeben, die Jung gegen Alt, Nichtakademische gegen die „Gstudierten“, katholische gegen Muslime (nur ein Beispiel) und umgekehrt haben. Wenn wir nämlich die Kompetenzen und die Erfahrungen anderer Achten, respektieren und uns für ihre Lebenswerke und Werte interessieren, wird die eigene Welt viel bunter und man selbst viel mächtiger. Mächtiger durch das Wissen, dass was immer auch kommt, einem nichts anhaben kann. Das Wissen, das man in jeder misslichen Situation die richtige Entscheidung treffen kann oder jemanden kennt, mit dem zusammen man das Problem meistern kann. Allein stehen wir zwar da, mit dem Funken Göttlichkeit in uns und vielleicht einer grossen Bildung, doch bewirken wir wirklich erst etwas in dieser Welt, wenn wir uns mit anderen Menschen zusammen auf den Weg begeben.

Die Kultur in PermaKULTUR

Permakultur ist nicht nur Garten oder die Bewirtschaftung eines Bauernhofes. In Mitteleuropa ist es vor allem der soziale Teil der Permakultur, der im neoliberalistischen Wahnsinn verloren geht. Noch gibt es Menschen, die in den Altersheimen oder noch in ihrer Werkstatt das Wissen der Selbstständigkeit hüten. Auf der anderen Seite haben wir eine immer grösser werdende Masse an Menschen, die ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen wollen, denen aber die Grundlagen fehlen (sie haben jene, in unserem Bildungssystem nie gelernt). Jeder der wirklich Permakultur leben möchte, wird die Wichtigkeit jenes Aspektes anerkennen müssen. Lasst uns also die Weichen in unserem Leben, für die kommenden Herausforderungen stellen, die Infrastruktur aufbauen und pflanzen, die unser Leben und das der noch ungeborenen Generationen lebenswerter machen. Jeder von uns hat die Macht etwas zu bewegen. Auch wenn man dabei selbst im Hintergrund bleibt.

Selbstständigkeit verleiht Macht

Meiner Meinung nach ist es wichtiger denn je, wieder selbstständiger zu werden. Selbständigkeit bedeutet nicht nur sein eigener Chef*inn zu sein, sondern auch möglichst viele Dinge des täglichen Gebrauchs selbstständig herstellen zu können. Wenn diese Selbständigkeit politisch „noch“ nicht gefördert und teils sogar unterdrück wird, dann müssen wir uns wieder Mitmenschen suchen, die ähnlich denken und auch aus dem Herzen heraus handeln.

Was kann man machen?

  • Durch seine Siedlung laufen und beobachten, was direkt vor seiner Haustür existiert und wer da wohnt.
  • Sich seine eigenen Werte aufschreiben und die inneren Wünsche auf Papier bringen. So findet man schneller zu seiner Rolle in der Gesellschaft.
  • Sich folgende Fragen stellen: Warum bin ich hier? Was will ich? Lebe ich wirklich nur für meine Kinder, obwohl diese schon selbstständig sind? Was hindert mich, meinen Träumen zu folgen?
  • Lernen, tägliche Gebrauchsmittel wie Lebensmittel, Strom, ggf. Treibstoff, frisches Wasser etc. wieder möglichst selbst herstellen zu können.
  • Lokale Unternehmen unterstützen. In der Schweiz haben wir ein Durchschnittseinkommen von 78.000 CHF. Davon geben wir aber nur 7- 10 % für Lebensmittel aus. Alle wollen auch auf dem Land ein vielfältiges Angebot an ehrlichen Handwerkern und lokalen Produzenten, aber nur wenige unterstützen sie!
  • Vereine gründen, die sich mit der Förderung der Kompetenzen und der Entwicklung der Region beschäftigen.
  • Wieder mal ins Altersheim oder Menschen besuchen, die aus ihrem reichen Leben erzählen können.
  • Eigene Initiativen gründen (Bsp. Transition Bewegungen, Fahrzeug und Werkzeugbibliotheken, Saatgutaustauschtreffen, Spielnachmittage, Gemeinschaftsgärten, kollektive genutzte Werkstätten, RepairCafés, Zeitaustauschmärkte, solidarische Landwirtschaft etc.). In der Schweiz gibt es eine reiche (wörtlich gemeinte) Stiftungslandschaft, die nur darauf warten, gemeinnützige Projekte zu fördern.

Euer Können, euer Wissen und eure Kreativität sind wichtig für eine gemeinsame Zukunft! Ihr werdet gebraucht!

Vielen Dank Papa, für deine vielen Einsichten und Weisheiten, mit denen du mir auf meinem Weg geholfen hast, ich schätze und liebe dich!        

Noch was!

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Links die dir beim Umsetzen helfen könnten:

Das Netzwerk der Transitiontowns (gibt`s auch auf deutsch): https://transitionnetwork.org/

Cradle to Cradle: http://www.cradletocradle.com/

Gemeinwohl-Ökonomie:https://gwoe.ch/

Instructables.com (sehr inspirierend):https://www.instructables.com/

Text, Bild und Überarbeitung: Joscha Boner und Désirée Kuhn

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