Von Schnecken, Stechmücken, Bremsen und Wespen….

Im Frühjahr fressen die Schnecken jeden mühevoll gezogenen Setzling. Ab Juni, wenn die Pflanzen gross genug sind, um die Schleimerattacken zu überstehen und wir Gärtner uns auf die Ruhe freuen, werden wir von Bremsen am Tag und Stechmücken in der Nacht besucht und gnadenlos gestochen. Im Hochsommer fliegen uns Wespen in den Eisbecher, schwirren uns um den Kopf und landen sogar auf unseren Lippen, nachdem wir etwas Süsses gegessen haben. In den Gartencentern gibt es Gifte und Tötungsfallen in allen Formen und Farben, die helfen sollen, dem Übel Herr zu werden…Aber wie gehe ich damit um?

Liebe Leserin und lieber Leser dieses Blogs

Ich kann es nicht genug erwähnen: Wir sind ein Teil eines grösseren Ökosystems, das wiederum in ein grösseres Ökosystem eingebunden ist. Wenn wir alles von aussen betrachten, sehen wir die Biosphäre unserer Mutter Erde. Genau den Lebensraum, der uns nährt, uns wärmt, unser Zuhause ist und uns jeden Tag mit unfassbarer Schönheit überwältigt. Auf der Erde zu leben ist jedoch nicht immer einfach und überhaupt nicht immer bequem. Unser moderner, ständiger Drang nach immer bequemeren Wegen, das Leben zu überstehen, lässt uns mehr und mehr in Trennung damit gehen. Gärtnern und Draussensein ist schön, wenn da nur die lästigen Viecher nicht wären. Wie auch wir Menschen haben Bremsen, Stechmücken, Schnecken, Blattläuse und auch Wespen ihr Recht aufs Dasein. Wenn wir diese simple Wahrheit akzeptieren, dann fällt es viel leichter, mit ihnen zu koexistieren.

Jeder hat sein Platz, seine Rolle und seine ganz besondere Art

Nur im Zustand innerer Ruhe können wir unsere Mitwelt von verschiedenen Perspektiven entdecken. Ohne zu bewerten könnten wir erkennen, dass z.B. die so gehasste spanische Wegschnecke (die übrigens nicht aus Spanien zu uns einwanderte) einen wertvollen Beitrag zur Entsorgung der organischen Abfälle und Kadaver leistet. Sie hilft ebenfalls beim Humusaufbau und so indirekt bei der Ernährung unserer Körper. In Europa gibt es 104 Stechmückenarten, von denen fast alle in Mitteleuropa vorkommen. Nur die Weibchen stechen. Sie brauchen nur eine Blutmalzeit, um ihre Eier überhaupt bilden zu können. Sonst ernähren sie sich vor allem von Pflanzensäften und Nektar. Im Internet bin ich auf den Begriff «Plankton der Lüfte « gestossen. Mücken sind wichtige Ernährer von Fröschen, Vögeln, Fledermäusen, Fischen und auch Raubinsekten wie der Libelle. Wie Plankton die Nahrungskette im Wasser sicherstellt, tragen die Mücken ihren Teil in der Luft bei. Bremsen haben eine ähnliche Rolle. Dazu bestäuben beide Tiergruppen viele Blüten (wenn auch nicht so sehr wie Bienen es tun). Einige indigene Bevölkerungen behaupten, dass uns die Tiere immer an den Orten stechen, an denen wir Blockaden haben. Eine Art Naturakupunktur.

Wespen sind ebenfalls tolle Tiere. Obwohl sie beim Essen manchmal echt nerven können. Sie und ihr Lebenswandel sind einfach faszinierend. Jeder, der ein verlassenes Wespennest genauer betrachtet, kann die unglaubliche architektonischen Künste dieser Tiere erkennen. Viele Menschen fürchten sich vor ihnen, da ihre Stiche ziemlich schmerzhaft und für Allergiker sogar gefährlich werden können. Vor ein paar Tagen stand ich aus Versehen auf eine Wespe. Für mich war es nur ein schmerzhafter Stich, doch der Druck meines Zehens presste die Gedärme des armen Wesens aus dessen Abdomen, woran sie früher oder später stirbt. In dieser Situation über Wespen zu fluchen, schien mir deshalb unverhältnismässig. Es ist ein Mythos, dass Hummeln, Bienen und Wespen immer stechen. Wie viele Male rettete ich ein solches Tier vor dem Ertrinken aus einem Teich oder Regentonne; und zwar mit blosser Hand. Verständlicherweise verteidigen sie sich nur, wenn sie sich bedroht fühlen. Ich konnte sogar schon Bienen sanft trocken streichen, ohne gestochen zu werden.

Im Kampf um mehr Bequemlichkeit   

Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum in gewissen Situationen Interessenskonflikte zwischen uns Menschen und anderen Arten entstehen. Manchmal muss auch ich mein Interesse durchsetzen und den anderen ihre Grenzen aufzeigen, genau so wie sie es tun, wenn ich ihr Habitat bedrohe. Dennoch finde ich, dass die Bekämpfung der «Lästigen» oft zu weit geht. Als ich in Neuseeland lebte, las ich immer wieder Artikel über Wespenfallen, die entlang von Wanderwegen aufgestellt werden, nur um Touristen die Unannehmlichkeit von Wespen auf ihren Pausenbroten zu ersparen. Das zynische dabei: Für die oft mehrtägigen Wanderungen wurde mit real nature experience geworben. Die Natur besteht aber nicht nur aus pittoresken, angenehmen Aspekten, die sich vermarkten lassen! Sie ist wie sie eben ist: Vielfältig, wunderschön aber auch wehrhaft.

Mein Weg zum gemeinsamen Miteinander

Ich lebe praktisch draussen und komme vor allem zum Schlafen, Computerarbeiten und Essenzubereiten nach drinnen. Fast jeden Tag werde ich von Zecken gebissen, von Mücken verfolgt (ja, ich bin ein Mückenmagnet), von Ameisen gebissen oder Bremsen gestochen. Statt sie immer mehr zu hassen, entwickelte sich bei mir mit der Zeit eine gewisse Akzeptanz jenen Wesen gegenüber, die mein Blut für ihre eigene Fortpflanzung brauchen. Erst gestern hatte ich eine Mücke im Zimmer, die mich immer wieder stach. Ich fragte sie, warum sie Das machen würde. Sie zeigte mir, dass sie noch nicht genug hatte, um ihre Aufgabe (sich fortzupflanzen) zu erfüllen. Ich willigte also ein uns liess sie zustechen und sich vollsaugen. Danach verliess sie mein Zimmer und ich hatte eine ruhige und erholsame Nacht. Am nächsten Morgen spürte ich den Stich schon nicht mehr.

Auch mit den Schnecken in unserem Garten bin ich nicht auf Kriegsfuss. Denn es ist nicht nur mein Garten, sondern auch ihr Lebensraum. Als wir die Schnecken (nach vielen zerfressenen Setzlingen) nach ihren Bedürfnissen fragten, gaben sie an, unser Gemüse so zu mögen, weil es mit so viel Hingabe gezogen worden ist; für mich eine überraschende Antwort. Als Alternative handelten wir ein Beet aus, das nur für sie angelegt wird. Sie müssen dort auch nicht fürchten, von mir zertrampelt zu werden. Schnecken sind sehr achtsame und bedachte Tiere. Bevor sie etwas essen oder darauf kriechen, wird es zuerst akribisch geprüft und betastet. Sie mögen es gar nicht, aus den Beeten herausgeworfen zu werden. Nur schon bei der Umsetzung an einen anderen Ort scheint es ihnen nicht wohl zu sein. Trotzdem will ich mein Gemüse auch ernten können und muss diesem Bedürfnis nachgehen und sie gelegentlich zurechtweisen. Ich hoffe, dass das mit dem Extrabeet und dem Humusaufbau (ich erwähnte das in einigen früheren Beiträgen) funktioniert, sodass das Ökosystem Garten keine Laufentenergänzung braucht. Natürlich hätten die Schnecken auch dort ihre Orte der Sicherheit.

So bin auch ich auf dem Weg, immer mehr über ein gemeinsames Miteinander zu lernen und die vielen Dienste, die Stechmücken, Schnecken und Co. am ganzen Ökosystem leisten, zu erkennen und wertzuschätzen. Hätte etwas in der Natur keinen Nutzen, würde es nicht lange existieren. Ich muss immer wieder lernen zu akzeptieren und von meinen Glaubensätzen loszulassen, um die vielen Aspekte des Lebens kennenzulernen. Ein Prozess, der mich immer weiter zu mir selbst führt. Um das Göttliche in mir zu finden, muss ich ebenfalls das Göttliche in anderen anerkennen.

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Im Wahnsinn die innere Ruhe bewahren: https://erdwandler.com/2020/08/02/im-wahnsinn-die-innere-ruhe-bewahren/

Titelbild: Thomas Millot Unsplash.

2 Kommentare zu „Von Schnecken, Stechmücken, Bremsen und Wespen….

  1. Danke für diesen Beitrag, lieber Joscha! Ich kann deine Worte ziemlich gut nachvollziehen. Als ich mal einen Sommer auf einer Tessiner Geissenalp gearbeitet habe, brachten mich die zahlreichen Bremsen und Zecken in den ersten Wochen beinahe um den Verstand, ich fühlte mich (als damaliger Stadt- und Büromensch) auf einmal so ausgesetzt und schutzlos wie schon lange nicht mehr. Mit den Zecken habe ich mich nie angefreundet, einfach wegen der Gefahr von Krankheitsübertagungen. Aber ausser jeden Tag meinen Körper absuchen und sie zu entfernen bzw. meine Kleidung gründlichst auszuschütteln konnte ich schlicht nichts machen. Ich wurde dazu gezwungen, mich zu arrangieren mit genau dem, was du schreibst – Natur ist nicht nur schön und lieblich, sondern auch wehrhaft und manchmal schrecklich. Genau wie wir Menschen. 😉
    Nach mehreren Bremsenstichen fand ich mit diesen Insekten übrigens meinen Frieden – es tat kaum weh, und im Grunde fanden sie die Ziegen viel interessanter … wenn ich heute an meine geradezu panische Angst vor Bremsen zurückdenke, muss ich schon über mich lachen.
    Seit ich im Wohnwagen lebe, teile ich meinen Wohnraum mit zahlreichen Spinnen verschiedener Arten, mit einem Feldwespenvölkchen draussen unter dem Vordach (sehr, sehr friedliche, sanfte Tiere), und bei Regenwetter kriechen alle möglichen Schnecken draussen herum und hinterlassen lustige Spuren auf den Wänden. Je mehr Zeit man sich nimmt, diese Nachbarinnen und Mitbewohner zu beobachten, umso faszinierender werden sie. Dabei habe ich nicht den Anspruch an mich, sie alle zu lieben – wer mir nicht passt, wird flugs vor die Tür gesetzt, und Ameisen zum Beispiel konnte ich gut mit Zimt und Lavendel vertreiben, den mochten sie gar nicht. Es ist wirklich ein Austarieren von Grenzen, die auch wichtig sind, aber die man probeweise verschieben kann …
    Ich denke, gerade wenn man in der Stadt lebt, wo wir uns so viele Schutzräume geschaffen haben, kann es schockierend sein, beim Wandern plötzlich mit so vielen Plagegeistern konfrontiert zu werden, die dort leben, wo man selbst nur zu Gast ist. Aber es wäre schön, sich auch wie ein guter Gast zu benehmen und nicht sofort die Giftflasche herauszuholen. Zeit nehmen, beobachten – und feststellen, dass manches nur halb so schlimm ist wie befürchtet, das ist ein besserer Weg, finde ich.
    Herzlich, Verena

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    1. Hallo Verena. Vielen Dank für diesen schönen Kommentar. Schön zu hören, dass du immer noch im Wohnwagen lebst. Ich denke eine Form der Liebe ist das Respektieren und Anerkennen des Anderen und dessen Bedürfnissen. Einen geschützten Raum zu haben (kein Schutzraum) finde ich essentiell. Wenn man diesen Raum bewohnt und die anderen Bewohner ebenfalls akzeptiert kann eine echte Wohngemeinschaft entstehen. Bei uns räumen Silberfische die Hautschuppen weg, Spinnen reduzieren die Fliegen und Stechmücken, Kellerasseln räumen im Keller alle Reste weg, die sonst verfaulen und das andere Lagergut anstecken könnten, die Bienen und Hummeln bestäuben die Tomaten auf dem Balkon, Hornissen reduzieren Schädlinge, Fledermäuse reduzieren ebenfalls Stechmückenpolulationen u.s.w……eine tolle Arbeitsteilung!

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