Leben als hochsensitiver Mann


Hochsensibilität ist bei Männern nicht sehr beliebt. Der Begriff suggeriert Schwäche, Gefühlsduselei und memmenhaftes Verhalten. Wer nur das Gegenteil mit „reiner Männlichkeit“ assoziiert, sollte dringend mal die Augen von dem ganzen Grillrauch reinigen und seine Glaubenssätze kritisch anschauen.


Es gibt selten eine Beschreibung, die so sehr missverstanden wird, wie Hochsensibilität. Deshalb ersetze ich den zweiten Teil des Wortes mit Sensitivität, da es den Sachverhalt besser beschreibt. Über die vielen Fähigkeiten, Vorteile aber auch die Nachteile, möchte ich euch in diesem Beitrag aus erster Hand berichten.

Was ist Hochsensitivität?


Die „entwickelte“ Welt ist vieles. Was sie definitiv nicht ist, ist ruhig. Weder akustisch, visuell, haptisch noch olfaktorisch (den Geruchssinn betreffend). Für die meisten Menschen sind die verschiedenen Formen dieses „Lärms“ einfach ein normaler Teil des Hintergrundgeschehens, das sie nicht weiter stört. Sie können diese Reize mehr oder weniger problemlos herausfiltern, bevor sie in ihrem Bewusstsein ankommen; nicht so bei hochsensitiven Menschen.
Diese Menschen haben diesen Filter nicht. Sie können einen oder sogar alle dieser Reize einfach nicht ausblenden. Die Folgen sind Überreizung, erschlagen sein nach kurzer Zeit und oft auch Wut aufgrund der Überlastung. Auch Emotionen nehmen diese Menschen oft viel stärker wahr, als die anderen in ihrer Umgebung. Wenn die eigene Überbelastungsreaktion auf Unverständnis trifft, kriegen Hochsensitive oft folgende Sätze zu hören: „Stell dich nicht so an“, „du hältst ja gar nichts aus“, „das ist unmännlich“, „du bist viel zu emotional“ (Frauen hören das oft) oder „alle anderen machen das doch auch so“….. Es sind genau diese „Killerphrases“, die hochsensitive Menschen extrem stören. Man könnte auch einem Rollstuhlfahrer einfach sagen: Steh auf und sei ein Mann. Die Menge an Ignoranz geht unter keine Kuhhaut. Nur das hochsensitive Wahrnehmung nicht so offensichtlich ist, wie ein Rollstuhl.


Die mannigfaltigen Symptome machen eine genaue psychologische Definition schwierig. Aktuell ist laut Wikipedia die Hochsensibilität ein Temperamentsmerkmal höherer sensorischer Verarbeitungsaktivität (Wikipedia, 2022).
Der Begriff wurde entscheidend von der US-amerikanischen Psychologin Elaine Aron (highly sensitive person oder hsp) geprägt.


Folgendes können „typische Symptome“ einer Hochsensitivität sein:


⦁ stärkere Reaktion auf und intensivere Wahrnehmung von Umweltreizen (wie Geräusche, Gerüche, optische Reize). Menschenmassen können von HSPs als belastend empfunden werden.
⦁ generell schnelleres Gefühl der Überforderung
⦁ besonders sensible Reaktion auf Geräusche
⦁ große Emotionalität. Positive und negative Erfahrungen können von HSPs intensiver wahrgenommen werden.
⦁ etwas vorsichtigeres Verhalten als der Durchschnitt, wenn es sich um neue Situationen handelt
⦁ stärkere Empathie
⦁ häufig eher introvertiertes als extrovertiertes Verhalten
(gesundheit.de, 2022)


Ein kleiner Gedanke dazwischen: In einer so verdrehten Welt frage ich mich manchmal, ob diese Menschen zu sensitiv oder die anderen einfach nur total unsensibel sind, wenn sie solch einen Lärm und die Dauerstimulation „einfach so“ ausblenden.


Warum haben Männer besonders Mühe damit?


Weil Männlichkeit ein sehr fluider Begriff ist, der in der westlichen Welt immer noch mit einem starken, unbeugbaren, gefühlsarmen (ausser es geht um Sex, Autos, Fussball oder Grillen) Beschützer gleichgesetzt wird. Ein Mann lässt sich nicht von seinen Gefühlen beeinflussen, sondern zieht durch; egal ob es sinnvoll ist oder nicht. Genau hier grenzt dieses Werteverständnis an die allgemeine Auffassung von Dummheit, psychopathischem Verhalten und noch anderen Dingen. Dinge, von denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie sich eine gesunde Frau mit klarem Verstand als Lebenspartner und Vater ihrer Kinder wünscht. Doch auch die hohlsten Klischees halten sich sehr lange.


Männer sind ebenfalls sehr emotionale Wesen. Jeder „reife“ Mann weiss das. Manche Männer haben dazu noch die Superkraft der Hochsensitivität. Sie nehmen wahr, was anderen am Radar vorbeigeht. Erleben ihre Emotionen sehr stark und können mit ihnen umgehen lernen. Sie sind äusserst empathisch und wissen darum, wie es ihren Liebsten geht. All die Eigenschaften, die ein wirklicher Beschützer und Oberhaupt der Familie (ich spiele mit Rollenbildern!) in der Realität braucht. Sie können die Frau an ihrer Seite besser als gleichwertig akzeptieren und ihre Bedürfnisse respektieren. Dass oft Frauen die besseren Entscheidungen für die ganze Familie treffen, weil sie generell feinfühliger und einfühlsamer sind, erkennen hochsensitive Männer meist schneller als einen Vorteil; zum Wohle der ganzen Familie/Sippe. Wohin uns das männliche Ego gebracht hat, sehen wir an der kaputten Welt, die uns umgibt.
Obwohl mittlerweile dem Hinterletzten die Fehlerhaftigkeit des neoliberalistisch, kapitalistischen Systems aufgefallen sein sollte, müssen sich hochsensitive Männer nur zu oft die obengenannten Scheisssprüche anhören. Sprüche, die genau zu einem Typen Mensch führen, der sich und seine Mitwelt aus Profitgier wie Dreck behandelt.
Hochsensitivität im Arbeitsalltag


In einer so kompetitiven Arbeitswelt scheint es zuerst ein grosser Nachteil zu sein, wenn man schneller erschöpft ist als die anderen; dass ein Gehirn so viele Reize verarbeiten muss, statt sie einfach des Wettbewerbes Willen herausfiltert. Nüchtern und mit sehr grossem Abstand betrachtet, stimmt das auch. Doch die Zeiten des unbegrenzten Wachstums sind vorbei. Nicht nur werden Ressourcen knapp, auch die Menschen lassen sich nicht einfach mehr so zur Arbeit zwingen. Sie haben plötzlich Bedürfnisse. Ein hochsensitiver Mann schnallt das oft Äonen vor seinem Chef. Wenn der Boss etwas taugt, wird er genau ihn um Rat fragen. Hochsensitive Männer sind nicht nur unglaublich charmant und hilfsbereit (weil sehr harmoniebedürftig), sondern auch Meister im Detektieren von Fehlern, die weiter in der Zukunft zu einem Fiasko für die Firma führen könnten.
Auch „normale“ Menschen beeinflusst Dauerlärm, schädliche Gedanken und Dauerreize negativ; sie merken es aber erst Jahre später mit irreversiblen gesundheitlichen Problemen. Hochsensitive Menschen können hier mit ihren Fähigkeiten unglaublich hilfreich sein. Es ist für sie selbst aber essenziell, sich nicht für andere aufzugeben und ihre eigenen Bedürfnisse nach Ruhe und stressfreiem Arbeiten ernst zu nehmen.
Oft sind hs. Männer unglaublich kreativ (natürlich auch hs. Frauen) und können auch in schwierigen Situationen ungewöhnliche Lösungen finden. In ungewissen Zeiten wie diesen, ist diese Feinfühligkeit für das Kommende, gepaart mit kreativem Improvisationstalent ein unglaublich starker Vorteil.
Informiere dich zum Thema und sprich mit deinem Vorgesetzten über deine Bedürfnisse. Wenn dieser offen dafür ist, bist du am richtigen Platz. Wenn nicht, dann gibt es noch so viele andere Orte, an dem DU und nicht irgendein Arbeiter gebraucht wird.


Hochsensitivität in der Beziehung


Mit hs. Menschen zusammen zu sein, sei es romantisch oder einfach freundschaftlich, kann eine echte Herausforderung sein. Der Boden ist auch hier nur so überzogen mit Fettnäpfchen, in die hineingetreten werden kann. Ob es nun Vorwürfe aufgrund des hs. Verhaltens (bzw. spontane Absage, weil man sich nicht wohlfühlt) sind oder das Schmatzen des Freundes, das man einfach nicht ausblenden kann und nur tierisch nervt. Wenn Emotionen und Empfindungen quasi konstant im RAW-Format im Tagesbewusstsein eintreffen, ist der Arbeitsspeicher einfach überlastet; dabei kommt es oft zu unbeabsichtigten Reaktionen, die das Gegenüber nur zu leicht als Beleidigung, Abneigung oder Ignoranz interpretiert.
Ist ein Partner hochsensitiv, braucht die Beziehungsarbeit umso mehr Empathie, Geduld, Verständnis und Respekt gegenüber den verschiedenen Bedürfnissen. Stell dir vor, du gehst mit deiner Freundin auf ein Konzert oder einen Polterabend. Während sie voll abgeht, wird das ganze für dich immer schlimmer. Dich ätzen nicht nur die dröhnende Musik, der Schweissgeruch deiner Nachbarn (den du natürlich in allen Nuancen wahrnimmst), die Fahne der Betrunkenen vor dir, das ständige Knacken der Boxen, die eklige Enge und die vielen Lichteffekte; du setzt dich dazu noch enorm unter Druck, das durchstehen. All das, dass deine Freundin sich wohlfühlt. Für dich ist der Abend aber eine Tortur.
Hochsensitive Männer sind nicht einfach „nice guys“. Sie sind tief empathische Menschen, deren das Glück des anderen ein tiefes Herzensanliegen ist; ohne Hintergedanken.
Meine Partnerin und ich sind beide hochsensitiv. Unsere Beziehung ist oft schwierig und Konflikte kompliziert zu lösen. Da wir aber beide immer reflektieren, verzeihen und zu verstehen versuchen, ist sie auch die schönste und tiefste Beziehung, die wir je hatten.

Wie ich meine Hochsensitivität als Vorteil nutze


Es war ein langer Weg. Ein langer Weg zu MEINEM Weg. Wie viele Jobs konnte ich nicht richtig ausführen, weil ich nicht einfach so funktionieren konnte wie meine Arbeitskollegen. Mit der Zeit entwuchsen den unzähligen Selbstvorwürfen zarte Pflänzchen der Erkenntnis. Meine stark erweiterte Wahrnehmung war ein Geschenk; wenn ich sie richtig einzusetzen lerne. Im Coaching, der Beratung und in der Aufstellungstherapie (die wir übrigens hier anbieten) kann ich Dinge wahrnehmen, die unsere Klienten entweder verborgen halten oder selbst nicht mehr wissen. Dinge wie traumatische Erlebnisse, die sie verdrängt haben, sich aber dann durch Dritte verifizieren lassen. Bei Permakulturberatungen kann ich Wasseradern wahrnehmen, die sich unter dem Boden befinden. Auch Töne oder feinste Gerüche geben mir oft Indizien über den Gesundheitszustand eines Systems (z.B. eines Gartens) oder eines Menschen.


Ich kenne jemanden, der als hochsensitiver Mann beim Strassenverkehrsamt in der Fahrzeugabnahme arbeitete. Allein durch das Heranfahren des Wagens konnte er feinste Ungereimtheiten im Motor, Getriebe, Radaufhängungen etc. wahrnehmen. Er war immer für die „schwierigen Fälle“ zuständig. Andere Menschen sind fantastische Parfümeure, Musiker, Handwerker mit dem Feingefühl fürs Material oder sehr empathische Mediziner.


Ich habe gelernt, meine Bedürfnisse gegenüber anderen zu äussern und mir dadurch ein angenehmeres Arbeitsumfeld zu schaffen. Die grösste Überwindung kostete mich jedoch das Zugeben meiner „Schwächen“. Statt ausgelacht zu werden, kamen mir daraufhin viel Respekt, Liebe und Verständnis entgegen.

Ich bin nicht der einzige Mann, dem es schwerfällt über seine Bedürfnisse, Gefühle und Herzenswünsche zu sprechen; aber es tut einfach so verdammt gut.
Wenn dich einige Sätze aus diesem Beitrag inspiriert oder bestätigt haben, dann sprich mit deinem Umfeld darüber; du hilfst auch ihnen menschlich zu wachsen!


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Quelle;

Symptome: https://de.wikipedia.org/wiki/Hochsensibilit%C3%A4t
Mehr zum Thema: https://www.gesundheit.de/medizin/psychologie/hochsensibilitaet

Titelbild:

Photo by Francisco Moreno on Unsplash

3 Kommentare zu „Leben als hochsensitiver Mann

  1. Maja Schumacher 26. November 2022 — 15:48

    Sehr gut beschrieben was Hochsensitivität ist und wie es uns geht dabei. Ich erachte solche Beiträge als sehr wichtig, damit die Hochsensitivität in unserer Gesellschaft hoffentlich bald mehr Anerkennung erhält. Vielen Dank Joscha!

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Maja. Danke dir! Ich finde es auch sehr wichtig. Wenn du magst, kannst du den Link ja teilen und vielleicht so noch mehr Menschen helfen…

      Gefällt mir

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