Alte Sorten. Neue Sorten. Eigene Sorten

Samen sind die Basis des menschlichen Lebens; gesundes, vitales Saatgut ist wertvoller als Gold.

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs

In den vergangenen Jahren lese ich — auch in grösseren Magazinen— immer mehr über die Bedeutung und die Wiederentdeckung der alten Sorten. Alte Sorten, Geschmäcker wie zu Omas Zeiten, Gefühle der Heimat und kulinarische Sehnsucht. Doch die Natur hat den innigen Drang, die Evolution voranzutreiben. Ist der Anbau von alten Sorten also wieder der natürlichen Ordnung? Warum sind viele Sorten verschwunden? Sind die neuen Sorten alle überzüchtet? Weshalb sammle, vermehre eigenes Saatgut? Warum freue ich mich über Sorten, die sich vermischen? Und weshalb sind diese Fragen so unglaublich wichtig in den klimatischen und sozialen Wandeln dieser Zeit?

Nach all den Gartenposts auf diesem Blog, ist es sicherlich kein Geheimnis mehr, dass ich absolut fasziniert von der Vielfalt von Pflanzen bin. Sie zu sammeln, weiter zu verarbeiten, sie anzuwenden und sie anzubauen ist einfach grossartig. In Gärtnereien, Bioläden, Baumärkten und sogar in Supermärkten gibt es jedes Frühjahr eine grosse Vielfalt an Saatgut zu kaufen, die Branche ist stark am Wachsen. Obwohl ich schon seit ca. 21 Jahren gärtnere, bin ich immer wieder von der unglaublichen Vielfalt hingerissen, die es so zu kaufen gibt. Schwarze Tomaten, violetter Blumenkohl, Chillis, die wie Penisse aussehen (siehe Chilli Willy-peppers), Auberginen in allen Formen und Farben, frostharte Sarracenien (fleischfressende Pflanze) u.s.w.

Erhalten, neu züchten und entdecken

Konservativ zu sein, hat in der Sortenerhaltung seine Vorteile. Der Begriff «Alte Sorte» ist nicht wirklich definiert. Teils entstanden sie vor Jahrhunderten und manchmal kamen sie erst vor 50 Jahren auf den Markt. Die Romantik und die Vorstellung von gesunden, schmackhaften Pflanzen, die dem Begriff anhaften, scheinen ihm dagegen irgendwie einen Rahmen zu geben. Doch viele der alten Sorten sind aus gutem Grund aus den Marktregalen verschwunden. Dies könnten einige Gründe dafür sein:

  • Die Lieferketten wurden komplizierter und Frischprodukte müssen sich länger halten, als die, auf Direktverzehr ausgelegten Sorten von früher.
  • Die Ansprüche der Kundschaften an Knackverhalten, Schalendicke, Zuckergehalt und Grösse haben sich verändert und/oder wurden durch Werbung beeinflusst. Stichwort riesige Kirschen!
  • Die unglaublich tiefen Lebensmittelpreise zwingen Produzenten zu mehr Konkurrenzfähigkeit und mehr uniformen Erzeugnissen. Wer an Grossverteiler (Supermärkte) liefern will, muss immer die gleiche Grösse, Farbe und Gurkenlänge liefern. Neuere Sorten können das schaffen.
  • Es gibt alte Sorten, die zu einer Zeit gezüchtet wurden, in der gewisse Krankheitserreger, die wir heute haben (z.B. den falschen Mehltau bei Weinreben), noch nicht so verbreitet waren. Heutzutage kann man viele Sorten deshalb kaum mehr anbauen.
  • Viele alte Sorten sind als solche von Natur unter biologischen Bedingungen entstanden. Neure kommerzielle Sorten wurden dagegen so gezüchtet, dass sie nur mit Kunstdüngern den höchsten Ertrag bringen. Beim Biobauern, unter «härteren Bedingungen und Umwelteinflüssen» würden sie keine solche Performance an den Tag legen.
  • Die auch im biologischen Gemüse oft verwendeten F1-Hybriden können zwar nicht mehr über ihre Samen vermehrt werden, liefern aber den ProduzentInnen einen grossen Ertrag, der sie im jetzigen System konkurrenzfähiger macht; das ist «noch» die Masse!
  • Alte Sorten wachsen oft langsamer und bilden mehr ätherische Öle und andere sekundäre Pflanzenstoffe. Sie haben durch sie eine höhere Widerstandskraft, mehr Geschmack, aber brauchen länger bis man sie ernten kann.
  • Bitter als Geschmack wird in der Nachkriegsküche (bis jetzt) kaum noch verwendet.

Fakt ist: All die Samen haben irgendwann ein Ablaufdatum. Mit zunehmendem Alter nimmt ihre Keimfähigkeit ab. Um dies zu verhindern, muss man das Saatgut entweder im Permafrostboden lagern oder die Sorten durch fortwährendes Aussäen weitervermehren.

Neue Sorten sind nicht schlecht

Wie ich bereits erwähnte, ist die Evolution noch lange nicht abgeschlossen. Etwas auf dem gleichen Stand zu halten, wie es immer war, ist nicht möglich. Wenn wir die alten Sorten immer wieder durch Aussaat erhalten, dann verändert sich diese trotzdem in jedem Zyklus. Die genetischen Expressionen werden stark von den äusseren Einflüssen geprägt. Einjährige Pflanzen verändern sich schneller, da sie nur ein Jahr alt werden und dann die Grundlagen für die nächste Generation bilden. Genaugenommen gibt es keine alten Sorten, nur die genetischen Zuchtlinien mit ihren Hauptmerkmalen. Was uns die alten Zuchtlinien jedoch geben, ist ein Genpool unglaublicher Diversität und das landwirtschaftliche Erbe unserer Ahnen.

Um eine neue Sorte zu züchten und marktfähig zu machen, müssen Saatgutzüchter einen fast schon hellsichtigen Sinn für die Entwicklung des Marktes haben. Das ganze Prozedere kann bis zu 15 Jahren dauern! Klar, mit Hilfe der Astrologie kann man den Einfluss der Gestirne schon Jahrzehnte im Voraus berechnen und die Sorten nach ihren Einflüssen vorauszüchten; aber wie viele Firmen machen das?

Neuere Sorten sind demnach eher an die Wünsche der jetzigen Menschen angepasst. Das nur auf Zuckerüberzüchtet- oder wässrigwegenderGrösse- Argument, können sich die heutigen Saatgutfirmen nicht mehr leisten; die Menschen möchten wieder Essen das schmeckt —die meisten jedenfalls. So gibt es fantastische Datteltomaten für den Urban Gardener, schorfresitente Apfelsorten, Pfirsiche, die widerstandsfähiger gegen die Kräuselkrankheit gezüchtet wurden und Zuckermais, der auch in kühleren Lagen wächst. Hut ab vor jedem, der neue Sorten auf dem biologischen Wege züchtet, ohne zu wissen, ob die Sorte überhaupt das Geld einbringen wird, das für den Züchtungsprozess investiert werden musste. Und dann noch all die Gesetze, die den Marktvorteil auf die Seite der Saatgutmultis schiebt.

Mut zu eigenen Sorten, Mut zu mehr Diversität

Jeder gärtnernde Mensch, der die Samen der eigenen Ernte sammelt, kennt das eine Problem nur zu gut. Egal wie sauber man versucht, die Sorten zu trennen, nach der neuen Aussaat gibt es immer wieder Pflanzen, die nicht so aussehen, wie ihre Eltern. Egal ob gelbe Körner im Kolben des schwarzen Popkornmais, fasrige, dünne Karotten in eine französischen Möhrenselektion oder Sonnenblumen, die plötzlich mit 100cm Höhenunterschied wachsen. Manchmal kommen auch wunderschöne Blattmuster heraus. Bei mir haben sich zum Beispiel ein Forellenschusssalat (Grün mit roten Pünktchen) mit meinem Brune de Géneve-Lattich (kupferfarbene Blattspitzen und hellgrüne Basis) gekreuzt. Das Ergebnis war ein Lattich mit einem sanften grün-zu-kupfer Farbverlauf mit Pünktchen bis zur Blattbasis. Ein Kunstwerk, dass auch noch die geschmacklichen Highlights beider Sorten zu vereinen schien. Ich war so glücklich!

Seit diesem Erlebnis experimentiere ich mit Kreuzungen. Ich finde es so spannend, was das nächste Jahr dabei herauskommt.  Unser Nachbar hat sogar eine eigen Maissorte gezüchtet, die früher abreift (wir sind am Nordhang) und perfekt an die lokalen Bedingungen hier angepasst ist.            

Wieder mal kein Schwarz und Weiss

Sowohl die Alten, als auch die neuen Sorten haben ihre Vor- und Nachteile. Die eigenen Sorten sind lokal angepasst und geben noch mehr Vielfalt. Wenn ich Erfolg mit einer neuen Sorte habe, wird diese natürlich erhalten und nicht sofort wieder neu gekreuzt. Eine Form des Kapitalaufbaus…

Zusatzbericht für die Jahre 2020/2021

Warum ich Saatgutbänker geworden bin

Welche Sorte letztendlich gut wächst und am besten schmecken, muss jeder und jede selbst herausfinden. Auch hier gilt der Grundsatz der modernen Konsumgesellschaft: Es ist nicht unbedingt alles genau so, wie es auf der Packung steht (Geschmäcker sind verschieden). Viele Händler verlassen sich dazu stark auf Trends, statt auf globale Ereignisse, wie das Artensterben, das wandelnde Klima und die immer schlechter werdenden Böden einzugehen. Ausserdem wird die Saatgutvermehrung mehr und mehr zentralisiert.

Stell dir mal vor, wie die folgende Situation für die Pflanze ist. Sie wird in den, für die Saatgutzucht besten Klimata vermehrt und gewöhnt sich an paradiesische Bedingungen; genug Wasser, viel Licht, viele Nährstoffe in tiefgelockerten Böden und Menschen, die sie vor Frost schützen. Kunden in der Nordeifel, Graubünden, Jura oder in trockenen Gegenden sehen die farbenfrohen Bilder und freuen sich wie verrückt auf die Ernte ihres Neuerwerbs. Dass die Pflanzen, die aus diesen Samen wachsen, oft eine schwierige Umstellung durchmachen, steht auf keiner Verpackung. Sie werden krank, erfrieren schnell oder liefern —wenn überhaupt— einen sehr kleinen Ertrag. Uns nimmt man auch nicht aus einer wohlgeheizten Wohnung und steckt uns in den sibirischen Wald oder in ein Nomadenzelt in der Sahelzone. Dann wird auch noch erwartet, dass wir sofort zu Höchstleistungen auflaufen.

Gesundes, angepasstes Saatgut ist tatsächlich eine rare Sache. Wie viele Saatgutvermehrungsbetriebe gibt es bei euch in 10km Umgebung?

Seit Jahren ist der Markt um diese Säule unserer Gesellschaft hart umkämpft. Lobbyismus ist kein Geheimnis mehr. Die daraus entstehenden Saatgutgesetze sind, wie immer, nur zum Schutz der Bevölkerung und der LandwirtInnen da. Das Saatgut des globalen Saatgutbunkers in Svalbard wird in zukünftigen Krisen natürlich auch bedingungslos und ohne jegliche kommerziellen Interessen an bedürftige Bauernfamilien verteilt. Die jüngere Geschichte zeigt: Mit totaler Abhängigkeit lässt es sich gut wirtschaften.     

Aus diesen und so vielen weiteren Gründen, bin ich vor einigen Jahren Bänker geworden. Statt einer Währung, deren realer Gegenwert nur noch im einstelligen Prozentbereich liegt und nach 2020 von Inflation bedroht wird, liegen in meinen Schliessfächern viele hunderte Speicherplatten, die die Informationen des Lebens in sich tragen. Die Informationen, die uns, unsere Freunde und die vielen Tiere um uns herum in Zukunft nähren, heilen und kleiden werden. Ist dein Kapital auch so krisensicher?

Manchmalgeht Saatgutdreschen ziemlich einfach. Hier befreie ich Breitwegerichsamen von ihren Hüllen..

Sharing is caring

Ich veranstalte Saatgutaustauschtreffen, um diese Diversität auch mit anderen Menschen teilen zu können. Natürlich nehme ich auch an Treffen teil, die andere organisieren. Diesen Februar wurde mir abgesagt, da zu viele Menschen sich zurzeit nicht treffen wollen. Da bleiben noch Austauschgruppen im Internet oder per Post. Saatgut ist Kulturgut. Ein Gut das uns unabhängig macht und der kulinarischen Einöde der Supermärkte parolie bietet.

Selbstversorgung kann man lernen: Schau doch mal auf unserer Kursseite vorbei!

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